Olga Hohmann

Olga Hohmann wurde 1992 geboren und studierte Theaterregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, sowie seit 2018 Freie Kunst am Piet Zwart Institute in Rotterdam. Ihre poetischen, häufig musikalisch begleiteten Lecture Performances weisen Aspekte des Rituals, sowie der Salonkultur auf. Als Archäologin ihrer eigenen Biografie widmet sie sich Alltagsphänomenen, die sich immer an der Grenze zwischen persönlicher Erfahrung und philosophischer Überlegung befinden.

In „The Overview Effect“ begibt sie sich anhand der Geschichte ihres Großvaters auf eine halb-wissenschaftlich, halb-assoziative „Safari“ über Atomenergie, Betrachtungen der Welt von Weitem und der Verlagerung von professionellen Verhaltensweisen auf das Private.

Für die Performance verfasste der Philosoph Florian Endres, in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin, den in das Thema einführenden aber auch als eigenständiges Werk stehenden, Text „Kernspaltung“.

 

Kernspaltung

 

Als die Crew der Apollo 17 im Jahr 1972 in einer Entfernung von 29.000 km zur Erdoberfläche das erste Foto des Planeten in seiner Gänze schießt, erfüllt sich das Versprechen der Moderne im selben Moment, in dem es seine konstitutive Unmöglichkeit offenbart. So ist in diesem Ereignis das Versprechen der Aufklärung aufgehoben, sich mittels der wissenschaftlich-rationalistischen Methode über die Natur zu erheben, d.h. den Verstrickungen und Zwängen des Unmittelbaren durch die Abstraktion zu entkommen. Die Teilung ist paradigmatisch für jene Konfiguration, die wesentlich eine der Analyse ist, die ihren Gegenstand in seine Bestandteile zerlegt und, wie der nüchterne Blick der Wissenschaft impliziert, sich selbst vom Gegenstand distanzieren muss, ganz gleich, ob es sich um die planetarische Makroebene oder um die kleinsten subatomaren Teilchen handelt. In der Aufsicht auf die Erde als Ganzes verschränkt sich die Dimension der Above-ness – des körperlosen God-views – aber zugleich mit der With-ness, des immer schon Involviert-seins. Dass es kein Außen gibt, ist die Einsicht, die hier aufblitzt. Nicht zuletzt ist die Tatsache, dass die „Blue Marbel“ genannte Fotografie zur Ikone der Umweltbewegung wurde, Ausdruck des in ihr versinnbildlichten fragilen Gesamtzusammenhangs und unserer verletzlichen Verstricktheit in das was uns umgibt.

Es ist eine durchaus tragische Dimension des sich notwendig urteilend zur Welt verhaltenden Bewusstseins, dass seine Urteile immer auch die Ur-Teilung zwischen Subjekt und Objekt wiederholen, obwohl das Subjekt doch selbst Teil der Welt ist — ganz zu schweigen von der im Urteil als Verurteilung mitschwingenden Gewalt dieses Verhältnisses. Ist doch die moderne Konstellation im entschiedenen Maße geprägt durch eine Beherrschung der Natur (der äußeren wie der inneren).

Was sich aber in dieses Verhältnis immer auch einschleicht, ist ein uneingestandener Lustgewinn. Ob in der wissenschaftlichen oder der großbürgerlichen Safari: Das Subjekt ist auf der Jagd nach Objekten, die es mit einem Extra an neurotischem Hochgefühl in sein taxonomisches System einpasst bzw. für das häusliche Dia-Album archiviert. Der smarte TED-Talker freut sich über jedes neue, angeblich technisch zu lösende Problem, wie der Putzwahn über den Dreck. Gleich der Kernspaltung des Atoms, setzt die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt ein Surplus an Energie frei, die antreibt, umtreibt und vertreibt. Dabei droht immer zugleich auch der GAU der Kernschmelze, der in gewisser Weise auch herbeigesehnt wird.

Die Kehrseite dieses neurotischen Nachvornestürmens ist die Sehnsucht nach der ursprünglichen Ungeteilheit — letztlich eine retroaktives Phantasma der Unmittelbarkeit, in dem ein durch die Spaltung verlorener utopischer Zustande imaginiert wird. Ein Bild, das auf der Ebene der Liebe, der Politik und nicht zuletzt der Kunst aktiv ist. In letzterer äußert es sich unter anderem im Unbehagen an der Repräsentation — bedient sich jene doch der Bilder/Zeichen/Symbole, die in ihren Funktionsweisen doch immer auch Abstraktionen sind. In dem sie das partikular-atomare unter Allgemeinbegriffe subsumieren, tun sie den den Dingen immer auch etwas an (die Gewalt der symbolischen Zurichtung). Demgegenüber soll im Gegenzug die angebliche Unmittelbarkeit von Affekten, die Auflösung der Grenze zwischen Werk und Rezipienten in der Immersion oder die prozessuale Unabgeschlossenheit in Stellung gebracht werden. Die Lücken sollen ausgetrieben werden.

Aber was, wenn der GAU, als unkontrollierte Kernspaltung und Kettenreaktion, schon stattgefunden hat? Statt die Negativität stopfen zu wollen, gälte es, sie umgekehrt zu totalisieren. Die Trennung findet sich nicht erst zwischen mir und dem Objekt ein, sondern der Bruch ist schon in der Spaltung der Objekte in sich selbst aktiv. Die Above-ness ist auf eigentümliche Weise im Bruch der Dinge mit sich selbst immer schon am Werke. So gilt es die Vorstellung zu invertieren, dass wir die Dinge nie in ihrem Wesen, in ihrem An-sich fassen können, weil wir nur Erscheinungen von ihnen wahrnehmen, die von ihrem Wesen unterschieden sind (respektive: Begriffe/Bilder/Narrative verwenden, die ihren Gegenstand zurichten, eben schon weil sie nicht der Gegenstand selber sind) — sondern es ist gerade die Trennung, die Lücke zwischen den Wesen der Dinge und ihren Erscheinung, die den Dingen als solchen zukommt. Gleich der Maske, die maskiert, dass es nichts zu maskieren gibt. Die Dingen erscheinen — auch wenn es nichts hinter ihren Erscheinungen gibt, erzeugen sie doch eine ‚scheinbares Wesen“ dem als Illusion eine Realität zukommt. Es ist entscheidend, dass wir es nicht nur mit Erscheinung zu tun haben. Die Lücke zwischen den Ebenen ist nicht reduzierbar, d.h. es „gibt“ Brüche, eine produktiv-dynamische Negativität. Die Dinge sind auf fundamentale Art und Weise nicht mit sich selbst identisch.

Dies ist der paradoxen Topologie des Möbiusbands verwand, dessen Eigentümlichkeit es ist, dass, wenn man auf ihm entlang läuft, man sich irgendwann auf der gegenüberliegenden Seite seines Ausgangspunktes wiederfindet. Auch wenn es an jedem spezifischen Punkt eine andere Seite gibt, besteht das Band nur aus einer einzigen Oberfläche. Wir habe es mit einer immanenten Transzendenz zu tun, in der die einzige vorhandene Oberfläche sich selbst fremd wird, obwohl sie doch die selbe ist.

Folgen wir den Dingen, die durch ihren Bruch werden, was sie nicht sind und damit in eine Kette der Relationen mit anderem treten! Eine Psychoanalyse der Dinge ist geboten: Eine freie Assoziation der Objekte, die die Gegenstände zum Sprechen bringt und den Knoten ihrer Verdinglichung löst.

Text: Florian Endres

 

Nuclear Fission

 

At an approximate distance of 18,000 miles from earth’s surface, the crew of Apollo 17 takes the first picture of the planet as a whole. In doing so, modernity’s promise is fulfilled as it is simultaneously revealed in its constitutive impossibility. The event sublates enlightenment’s project of elevating man above nature through the means of the scientific-rationalistic method — by escaping the entanglement and constraints of the immediate with the aid of abstraction. Division is paradigmatic for such a configuration, which is essentially one of analysis, seeking to take an object apart, and, as the sober view of the scientist implies, also distances itself from the object, no matter if it deals with the planetary macrolevel or the smallest subatomic particles. In view of the earth as a whole, the dimension of above-ness (the bodiless god-view) concurrently interlocks with the with-ness (the always already being-involved-in-things). That there is no outside is the insight that flashes through. Not least is the fact that the ‘blue marble’ called photography turned into an icon of the environmentalist movement, an expression of its capability to epitomise the fragile connectivity of the overall context and our vulnerable entanglement with what surrounds us.

It is indeed a tragic dimension of consciousness, which necessarily relates to the world in a judgemental manner, that these exact judgments [Urteile] are always also a repetition of the original/archetypical division [Ur-teilung] between subject and object, even if the subject is itself part of the world — not to speak of the violence always already present in the judgement as condemnation [Ver-urteilung]. The constellation of modernity is, after all, marked by a domination of nature — the external as much as the internal.

​Though, what always sneaks its way into these relations, is an unacknowledged excess of pleasure. Whether it is the scientific or the bourgeois safari: the subject hunts for objects, which it fits into either its taxonomical system or archives in its domestic slide collection. The smart TED-talker gets excited about every new problem supposedly solvable by technology, like the frantic cleaner when they encounter dirt. As with nuclear fission, the fission between subject and object releases a surplus of energy, that drives out, drives on and keeps disturbing. With it comes the threat of the maximal credible accident [MCA] of the core meltdown, that in a way also is longed for.

​The flipside of the neurotic forward-storming is the yearning for a primordial undividedness — which ultimately is nothing but a retroactive phantasm of immediacy, that imagines a utopian state allegedly lost by the split. This image is active in the context of love, politics and not least art. In the latter it is expressed in the discontent regarding representation, which uses images, signs and symbols, themselves always also abstractions in their basic functioning. As they subsume the particular-atomic under universals, they time and again exercise a force upon things (the violence of symbolic subjugation). What in return is called for is to mobilise an ostensible immediacy of affects, an immersion that supposed to dissolves the boundary between work and recipient, or a procedural incompleteness of art making. The gap shall be exorcised.

But what if the maximal credible accident, the uncontrolled nuclear fission and chain reaction, already happened? Instead of seeking to stuff up the negativity of the split, we should, on the contrary, totalise it. The rupture does not appear first between me and the object, but it is already active as the split in the object. The Above-ness is already at work, in a peculiar way, in the scission of the object in regard to itself. We should invert the notion, that we can never grasp the things in their essence, in their in-itself, because we are only perceiving appearances, which are precisely not their essence (respectively: we use notions/images/narratives, that subjugate objects, already because they are not the object themselves) — but it is rather the break, the gap between the essence of a thing and its appearance, that belongs to the object as such. This is akin to the mask that masks the fact that there is nothing to mask. Things appear — even though there is nothing behind the appearances, those appearances nevertheless produce a ‘virtual essence’, which as an illusion, has a reality. It is therefore crucial that we are not dealing here with ‘mere’ appearances only. The gap between the different levels is not reducible, which means that there ‘are’ breaks in the sense of a productive-dynamic negativity. Things are in a fundamental way not identical with themselves.

This dynamic is similar to the paradoxical topology of the Möbius strip, which has the odd characteristic, that if one walks on it, one finds oneself on the opposite side of the initial starting point. Even if every specific point has an other side, the strip only consists of one surface. We are dealing here with an immanent transcendence, in which a single surface becomes alien to itself although there is only it.

Let’s follow the objects, which through their break, become what they are not and therefore step into a chain of relations with others! A psychoanalysis of things is necessary: A free association of objects, that makes things speak and thereby loosens the knot of their reification.

Text: Florian Endres